Träumerin

Leben

„Agathes Träume“ basiert auf dem Leben und den Werken von Agathe, korrekt Agatha, Schwering aus Reken. Sie wurde am 26. Dezember 1915 als Tochter von Paula und Hermann Schwering in Groß Reken geboren. Neben ihr hatte das Ehepaar Schwering noch drei Kinder: Heinrich, Carl und Anna. (Vielleicht werden wir diese drei auch noch näher kennen lernen.)

Agathe im Profil
Agathe im Profil (1978)

Während die beiden Jungs, wie es zu der Zeit vermutlich üblich war, berufsspezifische Ausbildungen zum Kaufmann und zum Arzt begannen, besuchten die beiden Mädchen eine Hauswirtschaftsschule. Sollten doch beide einmal heiraten und ihren Männern gute Ehefrauen sein. Dass das Leben jedoch einen anderen Weg für sie und ihre Schwester Anna vorsah, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen.

Wann Agathe angefangen hat sich für die musischen Künste und insbesondere für die Malerei zu interessieren, ist mir noch unbekannt. Mag sein, dass die Wirren des zweiten Weltkriegs und die schmerzhaften Erfahrungen, der dieser für die Familie Schwering bedeutete, dazu beigetragen haben.

Der Schreinerei- und Zimmermannsbetrieb, den ihr Vater Heinrich 1904 aufgebaut hatte, musste damals seine Produktion ändern. Statt Küchenmöbeln und Dachstühlen wurden Barracken für die Wehrmacht produziert. Da das Wohnhaus der Familie direkt neben den Betriebsgebäuden stand, bekam Agathe, die genauso wie ihre Schwester noch bei den Eltern wohnte, dies unmittelbar mit. Aber auch, dass es aufgrund der Kriegsnotwendigkeit an Mitarbeitern mangelte und dass die Heimkehrer schwere körperliche und seelische Wunden von der Front mit in die Heimat brachten.

Ihr Bruder Carl war als Arzt ebenfalls im Feld tätig, unter anderem in Stalingrad. Seine Feldpost, in denen er seine Erlebnisse mit der Familie teilte, liegen heute in sortierten Stapeln vor mir. Nach seiner Heimkehr brachte er diese mit ins Elternhaus mit der Adresse Dorf 129 in Reken. Das Dorf liegt im Münsterland, direkt an der niederländischen Grenze.

Während des zweiten Weltkriegs wurde das Dorf immer wieder das Ziel von Luftangriffen, in deren Konsequenz zerstörerische Bomben und abgeschossene Flugzeuge auf das Gemeindegebiet fallen. Denn die Bahnstrecke von Dorsten im Ruhrgebiet ins münsterländische Coesfeld verlief direkt durch Rekener Land und diente als Nachschubweg. 1945 nahmen die Angriffe massiv zu und das Kriegsgeschehen näherte sich der Gemeinde. Panzerbarrikaden wurden gebaut. Die ganze Gemeinde war mit Flak belegt. Das örtliche Reservelazarett wurde zum Hauptverbandplatz und Kriegslazarett. Die Zahl der Einheimischen, die durch Bomben umkamen, wurde immer größer. Im März 1945 brannte das Dorf nach einem Brandbombenangriff lichterloh. Danach stand das Dorf leer. Die Bewohner hielten sich auf den Bauernhöfen oder in den Wäldern in Hohlwegen auf.

Warum schenke ich dieser allseits bekannten Historie soviel Raum. Ich glaube, wenn man die Bilder und Erzählungen von Agathe kennt und ergründen möchte, warum sie stets ihre Heimat in Bilder festhält, dann dürften diese persönlichen Kriegserfahrungen ein wesentlicher Einfluss auf ihr Schaffen sein.

Agathe starb am 19. August 2002 im Alter von 86 Jahren in Reken.

Malerei

Über ihre Malerei schrieb Agathe in einem Vorwort eines Begleitheftes zu einer ihren ersten Ausstellungen einmal folgendes:

Agathes Vorwort
Agathes Vorwort (1973)

Meine Malerei, darüber zu schreiben ist schwer, meine Bilder sollen ja sprechen.
In Reken bin ich aufgewachsen, in einer Gegend, wo die Landschaft noch unverfälscht und lebendig ist.
Sie sagt und gibt mir viel. Ein Stück Natur einzufangen, dazu nahm ich ich Pinsel und Farben, um es so darzustellen, wie ich es erfühlte. Ein winziger Versuch, der dann oft nicht das brachte, was ich aussagen wollte. Ich habe mich immer wieder mit der Gestaltung eines Bildes auseinandergesetzt. Eine eigene Handschrift wollte ich finden. Literatur über Kunst und die Freude an der Malerei halfen mir weiter. Das Wesentliche aber ist, immer neu anzufangen, sehen, lernen.
Einfache Motive male ich am liebsten. Die alte Dorfkirche mit den verwitterten Mauern ist malerisch fast nicht auszuschöpfen. Verwelkte Disteln in schlichter Schönheit im Sommer — so — liebe ich meine Malerei.

Agathe malte nicht modern un auch nicht naiv. Sie war aus keiner Schule hervorgegangen und keiner gefolgt. Ihre Malerei entsprang ausschließlich dem Wunsch, das Gesehene durch die Gestaltung zu einer intensiveren Erfahrung zu machen. Ihre Malweise folgte den selbst erlernten handwerklichen Fähigkeiten und der ganz unsystematischen Schule des Sehens in den Bildern anderer Maler, die ihr besonderes Interesse fanden, allen voran denen van Goghs.

Ihre Motive waren die Dörfer und kleinen Städte ihrer Umgebung, Einzelhäuser, die sich mit Geschichten verbinden, wie das Erzählerhaus oder das Pastorat, Straßenzüge, die Felder und seltsam gewachsene Bäume des Westmünsterlands und des angrenzenden niederländischen Achterhoeks.

Agathe hat niemals die Wiedergabe eines ganzen Ortes innerhalb seiner Landschaft gemalt. Sie bezeichnete die Topographie der Ortschaft nie genau im Zusammenhang mit den umliegenden Feldern, sondern sie heftete ihre Aufmerksamkeit auf Straßen als größtes zusammenhängendes Bild, auf das Haus inmitten der Bäume; oft aber wählte sie einen Teil des Gebäudes aus, von dem aus man nicht den Zusammenhang des Ganzen begreift.

Die Bilder sind kompositionell so angelegt, dass oft eine unmittelbare Nähe zum Motiv suggeriert wird. Der Betrachter ist häufig unvermittelt in das Bild einbezogen, was darin begründet ist, dass der Standpunkt der Malerin derselbe ist, von dem auch derjenige sieht, der durch diese Ortschaften oder Felder geht.

In fast allen Bildern kommt Agathe mit einer einer reduzierten Farbpalette aus, auf der eine Grundfarbe, meist ein bräunlicher Ton oder die blau-grün-graue Skala, vorherrscht, die zu verschiedenen Farben hin gebrochen wird, und aus der sie hell und dunkel entwickelt.

Joseph Lammers, von dem teilweise oben stehende Ausführungen zur Malerei von Agathe stammen, nimmt Bezug auf ihren größten Einfluss van Gogh. Dessen Stil in den Pariser Jahren von 1886 bis 1888 sei geprägt gewesen durch „unruhig flackernde Oberflächen“, die ein künstlerischer Ausdruck für die Unruhe einer Epoche gewesen seien, in der ein Weltbild zerbricht und ein neues noch nicht entwickelt war. Betrachtet man Agathes Bilder, kennt ihre Geschichten mag man erkennen, dass sie versuchte, in ihren Bildern einen objektiven mit einem erinnerten Zustand zu vereinen.

Wie viele Bilder Agathe zu Lebzeiten gemalt hat, kann in unserer Familie niemand sagen. Es müssen weit über 60 bis 80 gewesen sein. Zu erwähnen ist, dass ihre Bilder heute in aller Welt verstreut sein könnten. Denn sie hat ihre Bilder nie verkauft, aber herzlich gern an Familie, Freunde und Bekannte verschenkt.

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