Die sieben kleinen Wanderer

Es war ein schöner Maientag,
die Luft so warm, die Sonne klar,
Blütenduft in vielen Gärten,
Margeriten und Rudbeckien,
schon lang in gelber Knospenpracht.

Ein nettes Schwalbenpaar
freute sich schon Jahr für Jahr
wieder auf das Dörfchen,
auf die Heimat auf das Ziel,
das einzig ihm allein gefiel.
Das Dorf liegt im schönen Münsterland,
mit Namen REKEN weit bekannt.

Hier wohnten sieben kleine Leute,
die sich so besprachen heute:
Wir wollen einen Ausflug machen,
anzuschaun gar schöne Sachen.
Wir werden eine Reise tun!

„Ich gehe mit
„, spricht gleich ein Huhn.
Ich auch“, sagt ein brauner Hund.
Auch ich“, spricht da die Froschfrau Anke,
die vor Freude schwingt das Bein.
Deine Nichte Ute darf auch mit,
wenngleich sie noch so klitzeklein.“

Weiter kommt zur Reiseschar
noch ein muntres Mäusepaar.
Gustav und Lenchen wird es genannt,
und es ist allen bestens bekannt.
Ein stachliger Igel namens Flock
putzte sich den blanken Rock;
auf Schusters Rappen will er gehen
die schöne Heimat besehen.
Proviant wirds reichlich geben,
gutes Essen braucht man eben!
Eintopf in den Henkelmann,
Pumpernickel in den Sack, sodann
ein Stück in den Korb.
Schnittlauch für die großen Stullen –
würzig zieht der Duft herauf.

Jacken, Mützen, warme Sachen
können sie zu Hause lassen.
Taschentüchlein für die Näschen
stecken sie ins Jackentäschchen.
Schick war auch der gelbe Hut,
den der Gustav heute trug.
Lenchen band ein Tüchlein um –
war so frisch in roter Farbe.
Nachbars Walli schaut sich um:
Welch ein eiteles Gehabe!

Niedlich warn sie anzusehen,
wie sie in den Holzschuhn stehn.
Lenchen Mäusin und Herr Maus
bürsten noch das Schwänzchen aus,
streichen Kleidchen, Jäckchen glatt,
befühlen das Bäuchlein voll und satt.
Sprechen brav vom guten Benehmen:
Nachäffen und Nachgaffen ist zum Schämen!
Schon gar nicht das Gesichtlein ziehn in Fratzen!
Tüchlein schwenken, artig grüßen
und die bunte Luft genießen.
Über schmale Pättchen gehn,
und das Rekener Platt verstehn.

Die Straße manchmal körnig hart –
spitze Steine stehen hervor.
Gib auf Deine Holzschuh acht„,
ruft das Huhn dem Hund ins Ohr.
Die Decke auf dem Rücken
naht das Huhn, recht aufgeputzt,
mit reichlichem großen Schritt
zieht es die Holzschuh mit
und trägt die Kaffeekanne.
Die gute Brühe roch,
sie wollt nicht aus der Tülle –
war gar so gut gekocht.

Alle gehen sehr bedachtsam
mit dem schönen Henkelmann,
und sie fassen recht behutsam
den guten Pumpernickel an.
Zehn Kilo wog das dunkle Brot –
aus eignem Roggenschrot
gebacken in vielen Stunden – ,
und hatte einer Appetit,
es wollt wohl trefflich munden.
Drei Kilo war der Schinken schwer:
mein Herz, was willst Du mehr?
Dem Gustav war das Brot sehr lieb,
es war sein reicher Schatz.
Er fürchtete, es könnt‘ ein Dieb
es holen aus dem Sack.
Mit Schwattbrot
– so wirds genannt –
bestrichen gut mit Rübenkraut
fingen die Fasten an.

Die beiden Mäuse kicherten in sich hinein,
wenn sie an den Speicher dachten,
auf dem das Korn in Säcken lag,
in die eine Horde Mäuse Löcher fraß!

Sie gehen weiter – an schönen Steinen vorbei.
Feuer- und Kieselsteine liegen breit am Wegesrand,
Wo mögen Sie herkommen, wer trug sie her, –
wo war ihre Heimat?
Sie wachsen aus der Erde heraus in Stunden,
Tagen, Jahren, in schönen Formen – lang, breit und rund.

Tränke, Becher, Blumentopf,
mancher wie ein Zwergenkopf
mit Ohren und langen Nasen
– dienen auch als Vasen -,
der Mund so breit, erwartungsvoll offen,
wie sie schauen, wie sie hoffen!
Kommt ein Regen gießt’s in Strömen,
gibt’s ein Waschen und ein Stöhnen. –
wer dann hat das flinkste Bein
findet manchen schönen Stein.

Frohgemut sprechen sie miteinander: „Wie weit ist doch die Welt!“ „Und wie
wenig Raum haben wir bisher benötigt“, sagen die beiden Mäuse, „unsere kleine
Wohnung in der Kellermauernische, wo etwas Mörtel fehlte, war für uns groß genug!“
Sie schauen zur Sonne. „Ja“, sagt der Hund, „die Sonne wandert mit, sie verläßt
uns nicht, geht mit bis zum Ende. Und wie glühend sie aussieht!“
Der Sonnenglanz fiel auf eine weiche graue Baumrinde. Sie faßten die Rinde
an und fragten den Baum: „Wie weit ist die Welt?“

Der Baum antwortete: „Meine Rillen gehen vom unteren Stamm
bis oben in die Spitze –
so weit ist die Welt!
Ich kann nicht mit Euch gehen, ich bin fest verwurzelt.
Wollte ich laufen, müßte ich große Mengen Erde mitnehmen
und jeder Schritt würde zur Qual.
Aber tragt meine Grüße allüberall hin,
zu den Kindern, zum Wind, zum Regen, zur wandernden Sonne,
wer immer Euch sonst begegnet.
Grüßt mir von Herzen alle Blumen,
die roten, die blauen und die gelben
und sprecht mit ihnen!“

Die Blumen dankten sehr für die Grüße
und schauten mit blühendem Gesicht in die warme Sonne.



entnommen aus:
Geträumte Märchen von Agathe Schwering, S. 10-13

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